Unraveling Patriarchy: Die weiche Subversion des Gewebten
Mit seiner neuesten interventionistischen Arbeit lädt uns der Künstler zu einer radikalen Deinstallation traditioneller Rollenbilder ein. Seine textilerkundende Praxis ist kein blosses Handwerk; sie ist ein performativer Akt der Dekonstruktion hegemonialer Männlichkeitsentwürfe und eine Einladung zur kollektiven Vulnerabilität.
Durch das Erlernen des Strickens – einer historisch hochgradig gegenderten, ins Private abgedrängten Form der Care-Arbeit – bricht der Künstler bewusst aus den patriarchalen Mustern von Leistungsdruck und rationalisierter Effizienz aus.
Die Exponate: Zwei Waschlappen (Regenbogen, gestrickt) Im Zentrum der Ausstellung stehen zwei scheinbar banale Alltagsgegenstände, die in ihrer materiellen Präsenz jedoch eine enorme transformative Kraft entfalten: zwei Waschlappen, handgearbeitet in den Spektralfarben des Regenbogens.

Masche für Masche: Ein bewusster Ausstieg aus der normativen Perfektion
Der Waschlappen – im toxisch-maskulinen Diskurs oft als Schmähung für vermeintliche Schwäche genutzt – wird hier queer-feministisch angeeignet und zum Monument der Selbstfürsorge und der Reinigung von patriarchalem Ballast umkodiert.
Die Ästhetik des Fehlers als emanzipatorische Praxis Besonders bemerkenswert ist die bewusste Abwesenheit technischer Perfektion. Die textilen Arbeiten sind durchzogen von Fallmaschen, unregelmässigen Spannungen und strukturellen Brüchen. Was die kapitalistische Verwertungslogik als „Strickfehler“ disqualifizieren würde, deuten wir im zeitgenössischen Diskurs als: Bruchlinien der Männlichkeit: Die Löcher und Unregelmässigkeiten im Gewebe symbolisieren die Risse im Panzer der fragilen Männlichkeit. Sie machen den schmerzhaften, aber notwendigen Prozess des Verlernens (Unlearning) patriarchaler Privilegien haptisch erfahrbar.
Vulnerability als Stärke: Jeder Fehler im Maschenbild ist ein dokumentierter Moment des Scheiterns im geschützten Raum der künstlerischen Praxis – ein mutiges Plädoyer für eine neue, weiche Fehlerkultur unter Männern. Mit diesen Arbeiten positioniert sich der Künstler an der Schnittstelle von queerer Ästhetik, textiler Haptik und kritischer Männlichkeitsforschung.



Widerstand gegen die Symmetrie
Der Fehler wird zum subversiven Moment. Er verweigert sich der heteronormativen Ordnung und feiert das Unfertige, das Suchende, das zutiefst Menschliche.
Er beweist, dass der Weg zur Befreiung manchmal schmerzhaft, oft fehlerhaft, aber am Ende immer bunt und spürbar weich ist.
Gestrickter Widerstand: Warum ich die Nadeln in die Hand nahm
Als ich beschloss, stricken zu lernen, ging es mir nicht um die Aneignung einer handwerklichen Fertigkeit. Es war der Versuch, die tief sitzende, internalisierte Härte meines eigenen Mann-Seins aufzuweichen. Stricken – das bedeutet das bewusste Zulassen von Langsamkeit, von Care-Arbeit, von einer repetitiven Hingabe, die unserer hyperproduktiven, oft toxischen Leistungsgesellschaft völlig widerspricht. Ich wollte den Raum der vermeintlich „weiblich konnotierten“ Handarbeit besetzen, um meine eigene Konditionierung zu hinterfragen.
Das Ergebnis dieses schmerzhaften, aber zutiefst befreienden Prozesses des Verlernens (Unlearning) sind diese zwei Waschlappen.

Learning the skills
Werkstück 1, Waschlappen gestrickt, regenbogenfarben, 35x25 cm, gerahmt

Skills behind the skills
Werkstück 2, Waschlappen gestrickt, regenbogenfarben, 35x25 cm, gerahmt
Mein Manifest der Unvollkommenheit
Dass diese Stücke in Regenbogenfarben leuchten, ist mein Bekenntnis zu einer pluralistischen, queeren Solidarität. Doch das eigentliche Herzstück meiner Arbeit liegt in ihren Unzulänglichkeiten:
Die Ästhetik des Scheiterns: Diese Arbeiten strotzen vor Fehlern. Da sind verlorene Maschen, unregelmässige Abstände, verzogene Ränder. Am Anfang haben mich diese Fehler frustriert – ein Relikt meines gelernten Drangs nach fehlerfreier Dominanz und Perfektion.
Der Riss im Panzer: Heute begreife ich jede fehlerhafte Masche als eine Sollbruchstelle meiner eigenen maskulinen Sozialisation. Diese Löcher sind die Wunden, die entstehen, wenn man versucht, aus dem engen Korsett der hegemonialen Männlichkeit auszubrechen. Sie machen meine eigene Vulnerabilität sichtbar und greifbar.



Der Waschlappen als Metapher: Ich eigne mir einen Begriff an, der im patriarchalen Sprachgebrauch als Schimpfwort für vermeintlich „schwache“ Männer genutzt wird. Ja, ich habe Waschlappen gestrickt. Sie dienen der Reinigung – der rituellen Säuberung von den alten, starren Rollenbildern, die wir viel zu lange mit uns herumgetragen haben.
Diese Arbeiten sind mein verletzliches, weiches und unperfektes Angebot an die Welt. Sie sind der Beweis, dass wir erst dann wirklich heil werden können, wenn wir den Mut haben, uns Masche für Masche aufzuräufeln.